... die Worte von Pfarrer Nestler, Glindenberg ...
Am Dienstag, Sie haben es alle in Erinnerung oder in der Zeitung gelesen, hielten wir in Glindenberg eine Gedenkfeier zum so tragischen Feuerwehrunfall vor genau einem Jahr. Ich merke bei mir und anderen, dass fast an jedem der seitdem vergangenen 365 Tage mindestens einmal die Erinnerung daran präsent war. „… erinnern wir uns an sie…“
Daneben bestimmte uns bei Gesprächen auf dem Nachhauseweg der schlimme Unfall auf der A 14 am Montag. Mindestens so tragisch, mindestens so offenbar sinnlos.
Ja, man kann schon ins Zweifeln kommen, denn das sind ja nur zwei der Schreckensereignisse, von denen wir beinah täglich hören und lesen. Wir möchten so gern verstehen. Wir suchen nach Antworten. Wir sehnen uns nach einer klärenden Erkenntnis. Dass menschliche Gerichte und Gutachten dafür untauglich sind, haben wir schon mehrfach erfahren müssen. Und es ist ja mit Sicherheit auch nicht deren Aufgabe. Sie sollen vielmehr das Maß von Schuld erkennen und benennen, das einem jeden am Ereignis Beteiligten zuzumessen ist. Aber nimmt ein Freispruch dem Busfahrer wirklich die Last und die Schmerzen - und gibt ein Schuldspruch den Angehörigen der Opfer irgendetwas wieder ? Sicher muß auf eindeutiges Vergehen eine gerechte und angemessene Strafe folgen. Was aber ist gerecht ? „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ?
Ja, man kann schon ins Zweifeln kommen.
Eine andere Seite ist dabei die Frage, die mir als Pfarrer immer wieder begegnet. „Warum hat Gott das zugelassen ?“ Manchmal mit dem Zusatz, „wenn es ihn überhaupt gibt“. Auch ich kann diese uralte Frage nicht beantworten. Ich kann und will aber davon erzählen, was mir hilft, wenn ich ans Zweifeln oder gar Verzweifeln komme.
Mir hilft, dass die Bibel Geschichten von Menschen erzählt, die ebenso grübelten und zweifelten. Hiob fällt mir da ein, von dem erzählt wird, dass er sogar ins Gericht geht mit Gott und hartnäckig nachfragt, woher seine ungerechte Bestrafung kommt. Und Jesus fällt mir ein, der in seinem Sterben schrie : „Mein Gott, warum hast du mich verlassen ?“ Von denen lerne ich, ich darf meine Zweifel haben, meine Fragen aussprechen, ich darf um den Sinn ringen. Vor allem, ich darf das im Gegenüber zu Gott. Ich muß ihm nicht blind glauben, sondern darf ihm das vorlegen, hinhalten, mitunter sogar hinschmeißen.
Ob das was nützt oder gar ändert ? Nun da ist es wie beim Radfahren. Das lerne ich nur, wenn ich mich aufs Rad setze und losfahre. Ich muß es selbst ausprobieren, kann aber bei anderen sehen, es geht. Man kann wirklich mit einem Zweirad fahren. So muß ich das Wagnis eingehen, zu glauben, ich werde gehört und bleibe mit meinen Fragen nicht allein.
Der Zuspruch, der sich auch auf gute Erfahrungen vieler Menschen gründet, mit dem wir am Dienstag die Gedenkfeier beendet haben war: Unser Gott sagt von sich : „Ich bin da.“
Wenn ich am Zweifeln bin, wenn mir alles klar ist; wenn ich trauere, wenn ich neugeborenes Leben begrüßen darf; wenn ich einen schweren Weg zu gehen habe, wenn mir ganz leicht ist …
Er sagt : „Ich bin da!“
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